Kurt Mühlenhaupt Museum | Archiv vergangene Ausstellungen

Auch wenn die Ausstellung im Mühlenhaupt Museum schon wieder der Vergangenheit angehört, lässt sich jedoch sehr gut die Atmospäre nachempfinden, die man an diesem besonderen Ort erfahren kann. Aktualisierung folgt!

Angela Zohlen
Ausstellung "Spuren Elemente" bis 20. Juli 2014

 

 

 


         
„...die Malerin erzeugt ihre Bilder mit extremer Langsamkeit und verschafft damit dem Betrachter einen Zeitvorsprung."

Prof. Dr. Mönninger über den Entstehungsprozess von Angela Zohlen's Bilder.

 

 

o-t-detail-2013-mischtechnik-auf-leinwand-triptychon-300-x-100-cmo.T., Detail, Mischtechnik auf Leinwand,
Triptychon 300 x 100 cm



SAMSUNG CSCGespannte Erwartung zur Eröffnungsreede von Prof. Dr. Michael Mönninger



Michael Mönninger Turbulenzen des Sichtbaren

Als eines der besonderen Kennzeichen der ästhetischen Moderne charakterisierte Peter Sloterdijk einmal das Phänomen, dass sich aus der jahrhundertelang praktizierten Interpretation des Kunstwerks heute das Kunstwerk der Interpretation geworden ist. Das heißt, dass viele zeitgenössische Werke derart auslegungs- und kommentarbedürftig sind, dass man fast den Eindruck bekommt, ihre Hauptaufgabe bestehe darin, sich der gültigen Auslegung durch Interpreten und Kritiker nicht allzu sehr zu widersetzen. Das hat zu einer weitverbreiteten Beschämung und Einschüchterung der Kunstbetrachter geführt, die sich nicht mehr trauen, ohne Zuhilfenahme autoritativer Deutung ein Urteil abzugeben.

o-t-detail-2014-mischtechnik-auf-leinwand-triptychon-270-x-130-cm-1
o.T., 2014, Mischtechnik auf Leinwand,
Teil eines Triptychons



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Kunst- und Raumwirkung im perfekten Einklang



Diese Verunsicherung hängt untrennbar mit einem Phänomen zusammen, das Sloterdijks Kollege Boris Groys einmal mit der heutigen Geschwindigkeit der Bildproduktion erklärt hat. Früher brauchte der Künstler viel Zeit, um ein Bild zu malen, damit der Betrachter es mit einem Blick erfassen konnte. Somit lag der Zeitvorteil beim Betrachter. Heute dagegen hat sich die Zeitrelation zwischen der Produktion und Wahrnehmung der Bilder umgekehrt: Der Künstler erschafft seine Bilder oft blitzschnell als genialische ästhetische Sturzgeburten, während der Betrachter hinterher sehr lange braucht, um sie zu verstehen. Der Zeitvorteil liegt heute also beim Künstler, und dieser nutzt ihn für eine entfesselte Produktion und obendrein dafür, den Betrachter zu überfordern und das Werk noch schwerer begreiflich zu machen.



Fast scheint es es als ob die Feldsteine der 70m langen Scheune das Thema des Gemäldes fortführen.



Angela Zohlens Bilder sind der älteren Kunst darin verhaftet, dass ihre Produktion sehr lange dauert.

Aber sie produzieren keinen einseitigen Zeitüberschuss beim Betrachter, sondern sind der modernen Kunst wiederum darin verwandt, dass man sie sehr lange betrachtet, um ihre Wirkung zu ergründen. Es herrscht somit ein Patt in der Zeitrelation zwischen der langsamen Produktion und der ebenso langsamen Rezeption, was zu einer Autonomie beider Seiten führt: Auch ohne die Vermittlung von Interpreten und Deutern kann sich jeder die Freiheit nehmen, das Schauspiel dieser eigenartigen Stillleben zu ergründen und zudem zu versuchen, die sinnliche Wahrnehmung in Sprache zu fassen.  

Die Bilder geben Landschaftseindrücke wieder, erzielen ihre Wirkung aber ohne gegenständliche Elemente. Es sind amorphe, oft rätselhafte Strukturen, die an Schilf, Wasser, Stoppelfelder, Erdfurchen und Wolken denken lassen. Obwohl diese Tableaus eine außergewöhnliche Ruhe ausstrahlen, haben sie mit der Malerei der Stillleben und der „nature morte“ wenig zu tun. Ihre Leblosigkeit ist trügerisch; vielmehr bewegen die Bilder sich. Das rührt zunächst von dem lasierenden Auftrag von Pigmenten und Sand her, die abwechselnd übereinander geschichtet und dann wieder abgeschliffen werden, was den natürlichen Prozess des Werdens und Vergehens, des Blühens und Welkens evoziert.

Aber selbstverständlich handelt es sich nicht um kinetische Zauberbilder mit eingebauten holografischen Tricks. Nicht die Bilder leben, sondern der Wahrnehmungsapparat und das Assoziationsvermögen der Betrachter. Angela Zohlens Bilder erzeugen keine illusionistischen Tiefenräume, sondern ziehen die Fragmente des Sichtbaren nach vorn auf die Fläche. Sie erzeugen eine Wahrnehmung, die die Silhouette zentraler Motive von den umgebenden Elementen nicht mehr unterscheidet. Der Blick dehnt sich flächig aus; die Tiefenschärfe wird gleichmäßig auf die Gesamtsituation verteilt.

Man kann hier an die Impressionisten des 19. Jahrhunderts denken, die die Struktur des Augenscheins auf die gesamte Bildfläche zerstreuten. Auf verwandte, aber ganz eigene Weise holt Angela Zohlen ihre Motive aus einer grundlosen Tiefe auf die Leinwand, die zuweilen wie ein Vexier- oder Kippbild ein stetiges Changieren zwischen Vorder-, Mittel- und Hintergrund entfaltet. Die Tiefenbezüge wandeln sich mit der Bewegung des Sehens.

Allgemein kann man die Veränderungen des Bildcharakters in der modernen Kunst als Verzeitlichung der Raumanschauung beschreiben, als Zurücktreten des Motivs zugunsten der Artikulation seiner Wahrnehmung, die zu einem neuen Bezug zwischen Betrachter und Bild führt. Anstelle eines neuen Zugangs zur äußeren Wirklichkeit hat die Moderne den Betrachter aus sich herausgeholt und seine Erfahrung vor die Bildfläche in die Beziehung zwischen Bild und Betrachter verlagert. Seitdem öffnen sich die Bilder auf den gemeinsamen Raum mit dem Betrachter hin.

 



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o.T., 2014 Mischtechnik auf Leinwand, Diptychon 300 x 150 cm

Diese Öffnung in Angela Zohlens Bildern lässt die fest gefügten, virtuellen Räumen der klassischen Perspektivmalerei mit ihren idealen Betrachterstandpunkten weit hinter sich. Die Öffnung ist zunächst panoramatisch und erlaubt eine Fülle von Sehwinkeln aus allen Richtungen. Dann entfalten die Bilder ein visuelles Reizklima, in dem das Auge auf der Suche nach gegenständlichen, fassbaren Formen unablässig versucht, Motive zu fokussieren, die Sehschärfe anzupassen und Bildschichten zu sortieren. Sobald aber eine Szene identifizierbar erscheint - ein Horizont, eine Lichtung, Berge oder Wolken -, zerfällt die Gestalt und verschwindet die vermeintliche Maßstäblichkeit. Die Bildschichten sortieren sich neu und treten in anderer Staffelung hervor. Manche Arbeiten wirken so vieldeutig, dass man sie kaum zweimal mit derselben Erwartungshaltung sehen kann und frühere Eindrücke sich stets mit neuen Perspektiven überlagern.

 

Dieses Schauspiel einer nicht intentional steuer- und vorhersehbaren Wahrnehmung auf einer unbewegten, überschaubaren Leinwand macht bewusst, wie groß die Turbulenzen und Kontingenzen des Sichtbaren im menschlichen Auge und Gefühlshaushalt sind. Das hat mit malerischer Aleatorik, moderner Zufallsästhetik und modischer Multisensorik nichts zu tun. Es rührt von dem seltenen Zeitüberschuss her, den die Malerin mit der Langsamkeit und Ruhe ihrer Bildproduktion erzeugt und damit den Betrachter in die Lage versetzt, seine vitale Unruhe und sprunghafte Aufmerksamkeit für einen langen Moment im Zeit-Raum eines Bildes zu speichern und zu bannen. In diesem Gegensatz von flüchtiger Dauer und bewegter Ruhe steckt die große Spannung und Bedeutungsfülle, die Angela Zohlen mit ihren abstrakten Meditationen entfaltet.