Kirche Dannenwalde | Ausstellungs-Eröffnung | Markus Beer

Auch wenn die Ausstellung in der Kirche am Weg in Dannenwalde schon wieder der Vergangenheit angehört, lässt sich jedoch sehr gut die Atmospäre nachempfinden, die man an diesem besonderen Ort erfahren kann. Aktualisierung folgt!


©  Fotos Michael Haddenhorst

 

Für Ausstellung Markus Beer, Dannenwalde, 26.04. bis 01.06.2014 (Text von Karla Woisnitza)

Aufbewahren, nicht führen oder ausführen außer sich selbst an die frische Luft - das könnte ein Motto sein für diese Bilderausstellung von Markus Beer. Oder ist das mein Wunschbild? Und: Vorsicht! Der Mann raucht Tabak!

Was bewahrt er auf in seinen Gemälden, für sich selbst, für uns als Betrachter, möglicherweise für die Geschichte der Kunst, die Historie, die Hysterie...?


"Oktogon" Im achteckigen Innenraum der Kirche Dannenwalde



Markus Beer hatte mehr als ein Jahrzehnt auf Bürgersteigen gekniet, im Feinstaub der Straße. Mit temporären und sich schnell verwischenden Kreidebildern erbat er damals in den 80ern Geld von den staunenden Passanten, um nicht dem Arbeitsamt auf der Tasche zu liegen.
Später begann er an selben Orten im Freien, auf solide riesig große und mit Klebeband fixierte Leinwände in Acryl zu malen. Jedesmal schuf er darauf virtuos gemalte Kopien vor allem Alter Meister wie zum Beispiel von Michelangelo, Martin Schongauer, Sandro Botticelli, Hieronymus Bosch, Breughel, später russischen Realisten.
Er kopierte Motive, die er selbst sehr mochte und die sich damals am Kurfürstendamm und ähnlich prominenten Orten in Europa gut verkaufen ließen. Die fotografischen Dokumentationen aus dieser Zeit bilden Berliner Stadtgeschichte ab und nicht zuletzt das Verhalten von den Passanten.


KircheSannenwalde2940mh-kl


Daneben entstanden damals kontinuierlich seine "eigenen" Malereien und  Zeichnungen: in wechselnden Ateliers, in Hinterhöfen, in seiner Küche.
In diesen sogenannten "freien" Arbeiten ist aufbewahrt die Praktizität, Hingabe und Ausdauer der Straßenmalerei, jedoch sprechen sie eindeutig die Sprache der Moderne.
Markus Beer studierte sich zum Beispiel am Werk von Alexej von Jawlensky, Pablo Picasso, Marc Chagall, Henri Matisse, Sonia und Robert Delaunay; an den Berlinern Camaro, Fred Thieler, Marwan - und schließlich auch den Jungen Wilden bzw. Neo-Expressionisten der 80er Jahre wie zum Beispiel Baselitz, Lüpertz und A.R.Penck und den vielen anderen.
Wie gesagt, er studiert an der Moderne und hinterfragt sie - es entsteht über die Jahrzehnte ein eigenes, unverwechselbares Œvre. So vielleicht, als wäre ein Louis Soutter in lichtere, literarischere Gefilde gelangt...


KircheSannenwalde2930mh-kl


Wie ich mir die eigenen Wege des Markus Beer vorstelle:
"Er angelt sich selbst", ist Fisch und Fischer zugleich, spielerisch, mit kindlichem Gemüt. Diese Seinsweise ist eine Seltenheit unter erwachsenen Menschen. Er legt Schnüre und Netzte aus, Verbindungslinien, tappt im Dunkeln, die Strömung treibt ins Ungewisse, der Fisch schnappt, es ist eigentlich entsetzlich: aber dann schmeckt die Malzeit und der Himmel ist immer noch blau.

Die Bilder, die Sie in dieser Ausstellung sehen können, entstanden in verschiedenen Zeiträumen. Sie geben Einblicke in unterschiedlichste Facetten der Bildfindung und -erfindung. Ich streife bei meiner Wanderung durch den Bilderwald sowohl den Bitterfelder Weg und  Strausberger Wildnis als auch die zeitgenössische Tanzszene, die immer noch oder wieder auf Botticellis "Frühling", Matisse's "Tanz" und andere Grazien bzw. Chariten andächtig und lustvoll verweist.
Ich stehe Porträts gegenüber, die zwischen Himmel und Erde schweben oder sich winden. Farbe kleidet die größeren Figurenbilder oder ist Hintergrund für einen einsamen Sonderling. Sie, die Farbe, erschafft auch Weite und Raum der neuen Landschaftsbilder, die vielleicht am besten die hellen idealen Seiten des Löwenberger Landes repräsentieren, wo Markus Beer seit einigen Jahren Fuß gefaßt hat.

Interessanterweise sind seine Arbeiten der alternativen Ost-Deutschen Kunstszene nahe und verständlich. Ich entdecke Zeitgenossenschaft, Parallelen zum Werk von Künstlern wie Strawalde, Hans Scheuerecker, Helge Leiberg, Gerd Sonntag,
Klaus Zylla oder Harald Toppl, um nur einige zu nennen.

Also: Was bewahrt Markus Beer sich und uns auf? Verwandtschaftliches?

Die Verbindlichkeiten von Freude und Trauer, Licht und Schatten in grellem Pinseltanz und tief-dunklem Verblauen? Bewahrt er das Menschenbildnis in Schönheit und Zerr-Spiegelung? Wie bewandert zeigt sich seine Malerei in der Welt der Kunst und in den Ritualen der Menschen? Hat er sich entschieden für Fortune und läßt Virtus laufen oder versucht er, das Gleichgewicht für beide aufzubringen, zu halten? Was ist uns Menschen
möglich?

Finden Sie es heraus, nehmen Sie sich die Zeit dazu.

Karla Woisnitza, Berlin, im April 2014


©Karla Woisnitza